EINE PRAKTISCHE PHILOSOPHIE DES GESANGS

 

 

WENN DIE URSPRÜNGE DER STIMME AUF DIE URSPRÜNGE DES SEINS TREFFEN

Die Stimme, unsere Stimme, könnte uns einen Weg zu einer reellen Annäherung an uns selbst öffnen, zu einem schärferen Bewusstsein darüber, was wir sind, und ein neues Empfinden von uns selbst, das uns eines Tages zu einem Verstehen von uns selbst führen könnte, ein Ziel, das in hohem Maße für jedes menschliche Wesen wünschenswert ist.
Wie kann man das Mysterium der menschlichen Stimme erklären?

 

ALCHIMIE DES TONS !

Wir atmen alle die gleiche Luft und trotzdem haben wir, Sänger und Sängerinnen, das Privileg, diese Luft in Töne zu verwandeln, Übermittler von Emotionen und Spiegel unseres tiefen Ichs, in einzigartige Töne hinsichtlich ihrer Qualität, ihres Volumen und ihrer Farbe. Lernen wir, all dieses in uns mit Freude und Verwunderung zu entdecken.

 

« WISSENSCHAFT OHNE BEWUSSTSEIN IST DER RUIN DER SEELE »


Wir haben heute das Glück, über reichhaltige Informationen hinsichtlich physiologischer Aspekte der Stimmbildung zu verfügen, sowie über Bücher, Fernsehreportagen, hochentwickelte Apparate bei den HNO-Ärzten, wo jeder das Funktionieren seiner Stimmbänder verfolgen kann. Dies alles ist sehr hilfreich und sogar notwendig, darf aber keineswegs nur theoretisches Wissen bleiben, so wertvoll es auch sein mag.

 

« GNOTHI SEAUTON » (Erkenne dich selbst)


Die Arbeit, eine tiefgreifende Arbeit, beginnt mit der Grundlage von allem, der Atmung, der abdominalen und interkostalen Atmung. Der Schwerpunkt liegt auf dem Funktionieren des Zwerchfells und der körperlichen Wahrnehmung. Die entsprechenden Übungen, die uns ermöglichen, diesen Sitz (l’appogio) zu entwickeln, der uns dabei helfen wird, alle Spannungen und Verspannungen bei Hals, Nacken, Schultern und Kiefer zu lösen, welche so häufig die Gitterstäbe des Gefängnisses sind, die den Ton gefangen halten. Haben wir Mitgefühl mit dieser Einheit, die in uns lebt und helfen wir ihr, sich auszudrücken und zu entwickeln, das ist UNSERE VERANTWORTUNG. Mit einem Wort, haben wir Vertrauen in unseren Körper und finden wir uns wieder in dem Ursprung unseres Instinkts, der so häufig unter der Beschneidung und tyrannischen Dominanz unseres Kopfes leidet. Sich unablässig die Frage stellen: Wie funktioniert MEINE menschliche Maschine? Auf das Hören, dass sich in uns abspielt.

 

« ALLES, WAS UNTEN IST, IST WIE ALLES, WAS OBEN IST »


Die progressive Öffnung des Halses, die Möglichkeit zu lernen, wie man immer mehr Raum in der Mundhöhle in der Tiefe (das weiche Gaumensegel) schafft, um so den Ton zu empfangen (accogliere il suono), ihm einen Platz vorbereitet (en gros, ihn einzuatmen und nicht ihn nach draußen zu forcieren); die korrekte Mundöffnung mit der Arbeit der Lippen (il timone della voce), dem Steuer der Stimme, der Ausgleich der unterschiedlichen Register dank einer Arbeit in den Passagen (und um dort präziser zu sein) mit Hilfe einer vorsichtigen Umformung der Vokale (sich vom Regenbogen inspirieren lassen) und der Deckung des Tones (aperto-coperto), offen-gedeckt, die den hohen Tönen es ermöglicht sich zu entfalten (die Katze, die all ihre Kraft und Energie konzentriert, bevor sie sich auf ihre Beute stürzt, könnte ein perfektes Beispiel für die Notwendigkeit der Deckung des Tons sein. Wie reich doch die Natur, die Flora und Fauna an Lehrbeispielen sind, die uns helfen können und unsere Suche unterstützen können – Beziehungen zwischen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos).
Die Entwicklungen der Resonatoren, der Maske, ohne die indispensable Beteiligung der Augen, des Blicks und des Zuhörens, kurz, all unserer Wahrnehmungs- und Kommunikationsorgane, die wir UNSERE VERBÜNDETEN nennen könnten. Versuchen wir genau über diese Organe zu empfangen und uns an all unseren Eindrücken zu nähren, die von außen auf uns wirken, in einer dankbaren Haltung, um besser in der Lage zu sein, unsererseits großzügig von uns geben zu können und all dieses natürlich mithilfe sehr präziser Übungen.

 

SYMBOLIK DES KREUZES

Die Füße fest auf dem Boden.
IMMANENZ –« Das Manifest » Inkarnation-Verwurzelung-Pragmatismus


Der Kopf ist in Richtung Himmel gestreckt.
TRANSZENDENZ –« Das Eine » (dem Plotin so lieb): Erhebung-Spiritualität-Ideal


Die Arme jedoch horizontal der Welt geöffnet.
HUMANISMUS – « Das Soziale » Empfang-Großzügigkeit-Teilen

Mit seinem ganzen Körper singen, von der Fußspitze bis zur Haarwurzel, und sogar darüber hinaus, woraus die Bedeutung der Senkrechten resultiert, nicht nur in Hinblick auf unser physische Haltung und der Öffnung des Mundes, sondern auch in Hinblick auf unsere innere und geistige Haltung.
Senkrecht, ein Schlüsselwort; könnte man jedoch diesen Pfeil des gotischen Tempels, der sich emporschwingt zu dem Transzendenten, mit der byzantinischen Kuppel, die sich herabneigt, die versammelt und vereint, in Harmonie verbinden, um das Glied zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen zu verwirklichen? (siehe „Orthodoxie“ von Boulgakof). Parallelismus und Gedanke: Der Reichtum des Schöngesangs: Die Vereinigung der Vornehmheit und der Höhe mit der Rundheit und der Wärme des Tons!
Analysieren wir die Zusammenhänge zwischen dem Denken (Erwecken der Gedanken), dem Gefühl (Kanalisierung der Emotion) und der Körperhaltung (Ausdruck des Inneren) mit zwei Worten: PRÄSENZ entwickeln.

HARMONISIERUNG DES WESENS IN SEINER VOLLKOMMENHEIT,

DAMIT MAN SEIN REELLES UND TIEFES GEFÜHL UNTER DER KLAREN

UND WOHLWOLLENDEN VISION SEINER INTELLIGENZ DURCH DIE SOLIDE STÜTZE SEINES KÖRPERS AUSDRÜCKEN KANN.

 

 

DAS MENSCHLICHE GESPANN


Das menschliche Wesen besteht in der Tat aus drei Teilen, drei Ebenen: LEIB, SEELE und GEIST oder: aus dem Physischen (Motor, Instinkt) einerseits, dem Emotionellen (Gefühl) andererseits und schließlich aus dem Intellektuellen (Denken, Intelligenz).Die Gnostiker unterschieden drei Individualtypen:

Die Stoffartigen (aus dem Griechischen : hylikoi –Stoff)
Die Seelenartigen (psychikoi – Seele)
Die Geistartigen (pneumatikoi – Geist)

Andere Kulturen, insbesondere die Orientalischen, nennen:
Der Wagen (der Leib)
Das Pferd (das Gefühl)
Der Kutscher (das Denken)

Wieviele Sängerinnen und Sänger stützen nicht, von stolzem Narzissmus aufgeblasen, alles allein auf die Schönheit und die Kraft ihres Organs, andere versinken selbstgefällig in zähflüssiger Gefühlsduselei, tausend Schmerzen leidend und ein triefendes, pathetisches Psychodrama spielend und „zu guter Letzt“ gibt es noch, o weh, die einschläfernd Verklemmten, kalte Analysten und Musiktheoretiker.

 

DIE MÖGLICHKEIT DEN HERRN DES GESPANNS HERAUSTRETEN ZU LASSEN


(Ein Schimmer der Hoffnung ?...)
Sollte es also nicht für uns ein Ziel sein, diese drei unterschiedlichen, jedoch untrennbaren Aspekte zu vereinen und zu harmonisieren, daraus eine Einheit in uns zu machen, damit wir unserer Umwelt ein reelles Gefühl zu vermitteln, ein Aufruf an eine geistige Erhebung und mit unserem Nächsten in einer immer wieder erneuerbaren Freude zu kommunizieren.
Wie können wir in uns ein reelles Gefühl entstehen lassen und dieses mit dem anderen zu teilen, wenn nicht dank einer aktiven und vollkommenen Präsenz von uns selbst. Die Gefahr läge im anderen Fall darin, sich von den Gefühlen mitreißen zu lassen, Entwurf des Gefühls, Epiphänomen, das unsere Sensibilität kitzelt, jedoch nicht das Wesen in der Tiefe berührt.

 

« ALLES IST IN ALLEM »


Viele andere Aspekte des Lernens, und nicht die wenigsten, müssen berührt werden, sowie Phrasierung, das Legato, die wesentliche Basis des Schöngesangs, die Vokale, ihre Reinheit und doch auch ihre gegenseitige Bereicherung. „Die unterschiedlichen Vokale sind die unterschiedlichen Farben desselben Tons“. Nutzen wir diese Farben wie ein Maler und formen wir Töne im Raum, aber welche Töne? Sicher keinen platten, horizontalen Ton, keinen desinkarnierten Ton, keinen skeletthaften Ton. Nein! Die Konsonanten seien das Gerippe, die Vokale seien das Fleisch, die dieses Skelett nähren, es umgeben, so dass der Ton mild werde, und das die Stimme friedlich klingen kann. „Lass die Stimme von selbst klingen“, ein Ausdruck, der häufig bei den Deutschen zu hören ist.

 

« DER GESANG IST (sollte es sein) EIN LANGER, RUHIGER FLUSS… »


Eine Stimme, die klingt, (Corre la voce), ja, aber ein kanalisierter Fluss, und vor allem nicht in der Breite, sondern in konzentrierter Form. Das „Raccogliere il suono“ der Italiener, den Ton versammeln, ihn konzentrieren, oder der schöne Ausdruck, die sie ebenso gern benutzen: „Un suono ben girato“, ein wohlgeformter Ton, der durch das oben beschriebene entsteht: ein geformter Ton, der Fluss der ruhig und friedlich in seinem Bett fließt, und den Regionen, die er durchquert, Fruchtbarkeit und Überfluss bringt, sobald er jedoch aus seinem Bett bricht, sind es die Überflutungen und die daraus folgenden Konsequenzen… QUALITÄT NICHT QUANTITÄT!

 

UNSERE SCHÖNEN SPRACHEN


Und schließlich die Arbeit mit den Sprachen, nicht allein ihre theoretische Studie, sondern vielmehr ihre Farbe, ihre Seele, ihr Geist, um sie mit der größtmöglichen Authentizität zu interpretieren und um in der Lage zu sein, die Intelligenz des Textes zu vermitteln. Der Zuhörer, selbst wenn er die gesungene Sprache nicht versteht, wird in jedem Fall empfänglicher und berührter sein, wenn der Interpret seinen Text mit einer vollständigen Überzeugung vorträgt und selbst vollständig engagiert ist.
Die gesungene Sprache respektieren und lieben.

« NUN ABER BLEIBEN GLAUBE, HOFFNUNG, LIEBE, DIESE DREI- DOCH DIE GRÖSSTE VON ALLEN IST DIE LIEBE » Paulus
All dieses stellt eine beachtliche jedoch zugängliche und flexible Arbeit, weil sie auf der Geduld, dem Verständnis der Schwierigkeiten jedes Einzelnen und der Anpassung an seine Besonderheiten, gegenseitigem Vertrauen und dem Dialog basieren, die sich zwischen dem Lehrer und dem Lernenden bilden.

 

TRADITION UND ABSTAMMUNG


« Wir sind gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können, freilich nicht dank unserer eigenen Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns emporhebt …“ Bernard von Chartres, 12. Jahrhundert.
Der Respekt vor der Gesangstradition und dem, was die großen Sänger und Sängerinnen der Vergangenheit uns hinterlassen haben; dies ist kein passiver und nostalgischer Rückblick oder Sichtweise, sondern hilft das Jetzt besser mit dem Reichtum der Vergangenheit und dem Enthusiasmus für die Zukunft zu nähren.

 

 

Der Zweck von alldem ?
Eine einzige Antwort : « Du holde Kunst… »

DER MUZIEK DIENEN

 

Schlüsselwörter:

Wissen, Kommunikation, Spontaneität, Verfügbarkeit, Öffnung, Erwecken, Freude, Vertrauen, Aufmerksamkeit und Präsenz für sich selbst, Anspruch an sich selbst, aber vor allem Arbeit.

 

ORA,  LABORA,  ET  INVENIES.

                                                                            Nicolas Christou.

 

(Liebe Christina Beier, Herzlichen Dank Für Deine Freundliche Übersetzung.)

 

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